tatort:Steuern

Der Hundsgrippl

Man kann den Stein, der ihm vom Herzen fiel, ach was, den Felsbrocken, förmlich hören: Ein Rechtsanwaltsgehilfe verschickt einen Brief, den er niemals, niemals, niemals hätte verschicken dürfen. Die Konsequenzen für die betroffene Mandantin sind schwerwiegend und gehen in die Zehntausende, aber der Bundesgerichtshof schaut sich die Sache an und sagt: Eh, Schwamm drüber, nicht so schlimm, passiert schon mal, hat keine Konsequenzen, jedenfalls nicht für den Gehilfen, liebe Grüße, auch an die Frau Mama. Plumps! Krawumm! (Der Stein der Erleichterung) Ein Traum? Mitnichten. So geschehen in einem Fall, der zeigt, dass manchmal einfach alle Beteiligten Schuld auf sich geladen haben. Es trug sich also zu, in einer Zeit, in der das Wünschen noch geholfen hat, dass eine schwer verliebte Apothekerin aus der Oberpfalz ihrem Lebensgefährten, einem Rechtsanwalt, ein monatlich ausgezahltes Darlehen in Höhe von 1.500 Euro gewährte. Er scheint kein besonders guter Anwalt gewesen zu sein (vermutlich ist er es heute noch nicht), wenn er sich nicht in der Lage sah, in diesen klagewütigen Zeiten 1.500 Euro zusätzlich zu verdienen, noch dazu kein besonders ethischer, hört man seine nächste Idee: Seine Freundin solle das Darlehen in ihrer Steuererklärung als Rechtsanwaltsberatungshonorar deklarieren.

Er würde ihr die entsprechenden Rechnungen ausstellen und damit helfen, Steuern zu sparen. Fein! Die Frau seines Lebens hatte keinerlei moralische Bedenken, und so hinterzog man gemeinsam 68.000 Euro im Laufe der nächsten sechs Jahre. Unzulässig!, hätte jetzt die Anwaltsseele rufen sollen, aber die verhielt sich seltsam still. Die Apothekerseele jedoch wurde keine zwei Jahre nach dem letzten gezahlten Darlehen doch noch von Gewissensbissen geplagt und ließ bei ihrem Anwalt (nicht bei ihrem Lebensgefährten, der selbst dazu nicht in der Lage gewesen zu sein scheint) eine Selbstanzeige aufsetzen. Mit dem Vermerk, sie bloß noch nicht zu verschicken. Bloß nicht! Noch nicht! Vielleicht ließe sich ja das schlechte Gewissen noch irgendwie beruhigen. Schade nur, dass der gewissenhafte Anwaltsgehilfe von diesem eindringlichen Vermerk anscheinend nichts gewusst haben mag. Er setzte die Selbstanzeige auf und legte sie in den Postausgangsstapel. Alles erledigt. Feierabend. Zum Glück für die Apothekerin nahm es das Finanzamt sportlich und verzichtete auf ein Steuerstrafverfahren. Nicht aber auf die Nachzahlung der zuvor hinterzogenen 68.000 Euro. Und da zeigte sich die dunkle und, ja, undankbare Seite der oberpfälzischen Apothekerinnenseele. Sie sah nicht mehr das Unrecht, das sie begangen hatte (vorsätzlich und in Komplizenschaft mit einem Anwalt, der es qua Profession besser hätte wissen sollen), sondern nur noch die vermeintliche Ungerechtigkeit, die ihr angetan worden war und die zum Verlust ihrer 68.000 Euro geführt hatte. Der Anwaltsgehilfe war schuld, der Hundsgrippl, Brunzkachl, Freibierlätschn! Und damit auch ihr Anwalt! Und der hatte Geld wie Heu! Und das wollte sie von ihm zurück! Sie verlangte also Schadensersatz, und zwar rucki-zucki! Landesgericht und Oberlandesgericht schüttelten bedauernd die Köpfe. Blieb noch der Bundesgerichtshof, vor den die empörte Apothekerin sich nicht zu blöd war zu ziehen. Wir vermuten den Rat ihres anwältischen Geliebten hinter all der Torheit. Er sollte seine Kanzlei besser umbenennen in: Die Klägerin trägt die Kosten des Verfahrens. Wen wundert’s da noch, dass die Geschäfte schlecht laufen. Es dauerte nicht lang, und der BGH stellte abschließend klar: Indem sie das Brieflein ins falsche Körbchen legten, hätten Rechtsanwalt und Rechtsanwaltsgehilfe zwar eine mindere Pflichtverletzung begangen, ein Anwaltsvertrag sei jedoch generell nicht dazu da, vor Steuernachzahlungen zu schützen. Ein Anwalt dürfe nicht an einer Steuerhinterziehung seines Mandanten mitwirken. Der Schaden der Apothekerin sei mithin nicht ersatzfähig. Erstaunlich, dass es für diese Erinnerung an mensch­lichen Anstand und moralisches Selbstempfinden eines BGH-Richtspruchs bedurfte. Gier ist meist hässlich und immer ein schlechter Berater. Vielleicht wäre ein neuer Lebensgefährte eine bessere Idee? Nur mal so ganz nebenbei.

— eingestellt am 25. August 2020

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