tatort:Steuern

Neutral betrachtet

Kann sein, dass wir als Steuerberater das umweltpolitische Mikado nicht immer ganz verstehen, aber im Bilanzieren sind wir super. Vielleicht rührt es daher, dass wir mitunter auch Ergebnisbilanzen anderen Ursprungs, wie zum Beispiel Klima-, Öko- oder Energiebilanzen, kritisch überprüfen. Leider stellen sich vermeintlich positive Aussagen zu erreichten „Klimazielen“ dann eher als Augenwischerei dar. So beispielsweise die plakativen grünen ICE-Aufdrucke mit „100 Prozent Ökostrom“. Werbewirksam auf die schnellen Fernfahrzüge geklebt, suggerieren sie dem geneigten Bahnfahrer, sich klimaneutral von A nach B zu bewegen. Aber kann ein ICE für seine Fahrt zu 100 Prozent Strom aus erneuerbaren Energien beziehen, während die von der Bahn betriebenen Bahnhöfe, Güter- oder Nahverkehrszüge mit konventionellem Strom gespeist werden? Natürlich nicht. Der Zug fährt mit dem Strom, der zur benötigten Zeit im System zur Verfügung steht. Und das ist nach wie vor ein Strommix aus Kohle, Gas, Atomkraft und erneuerbaren Energien. Letztere, der sogenannte Ökostrom, werden immerhin von der Deutschen Bahn mit dem höchsten Anteil eingekauft (über 60 Prozent des Gesamt­strombezuges, und deshalb kann der Fernverkehr durchaus auch mit 100 Prozent Ökostrom rollen – allerdings zulasten anderer Geschäftszweige. Güter- und Nahverkehr fahren dann umso mehr mit konventionellem Strom. Ein Verschiebebahnhof, könnte man sagen.

„Deutschland muss mehrere Millionen Euro für Emissionsrechte zum Ausgleich verfehlter Klimaziele aus den Jahren 2013 bis 2020 zahlen. Konkret geht es um die Überschreitung klimaschädlicher CO2-Emissionen außerhalb des europäischen Emissionshandels zwischen 2013 und 2020, vor allem im Verkehrs- und Gebäudebereich.“
Aus einer Mitteilung des Ministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz vom 24. Oktober 2022

Der Verkehrssektor gilt ja allgemein als ein Sorgenkind beim Klimaschutz. Wie zum UN-Klimagipfel am 6. November dieses Jahres bekannt wurde, verfehlt Deutschland seine Klimaziele im Verkehr drastisch. Der Expertenrat Klima gab Minister Wissing für sein Sofortprogramm eine glatte Sechs. Als Konsequenz müssen nun Emissionsrechte von anderen EU-Ländern in Millionenhöhe gekauft werden. Diese Strafzahlungen können dort für Klimaprojekte eingesetzt werden. Offensichtlich auch ein Weg, klimaneutral zu werden: so eine Art Ablasshandel.

Bei solchen Kompensationslösungen werden CO2-Zertifikate gekauft, anstatt die eigenen CO2-Emissionen entsprechend den gesetzlichen Vorgaben und Zielen zu reduzieren. So kann ich auch als Unternehmen Klima­neutralität vortäuschen – oder Profit machen. Die Idee ist nicht ganz neu: Tesla erzielt seit Jahren mit dem Emissionshandel für CO2-Zertifikate einen großen Gewinn, der noch im Jahr 2021 hoch genug war, um den Verlust im Kerngeschäft auszugleichen. Ein profitables Beispiel. Aber echt klimaneutral? Wohl kaum. Uns Profis gaukelt doch keiner was vor.

 

— eingestellt am 16. November 2022

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