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#steuernsindkrass krankungerecht

Influencer sind Menschen, die auf sozialen Netzwerken ihren Alltag, ihre Körperpflege, ihre Work-out-Routinen und vieles andere mit ihren Followern teilen und sie damit influencen. Es gibt sie in vielen Farben und Formen, aber die meisten sind schöner, schlanker und glücklicher als der Durchschnittsbürger und vollkommen schamfrei. Um Geld zu verdienen, halten Influencer Produkte in die Kamera und erklären ihren Followern, warum für sie ein Leben ohne dieses Produkt sinnlos ist. Oder sie tragen Produkte am Körper und sprechen von super krassem Körper- und Tragegefühl oder super kranker Flauschigkeit. Viele sind mittlerweile in einem Alter, in dem man Kinder hat. Also halten sie ihre Babys und Kleinkinder in die Kamera und vertrauen darauf, dass der Follower an sich nie genug bekommt von Babys und Kleinkindern.

War Influencen früher wenig mehr als ein lieb gewordenes Hobby, ist ein Influencer heute (mindestens) ein mittelständisches Unternehmen, das Fotografen, Stylisten, Manager, Agenturen und persönliche Assistenten beschäftigt. Sie alle legen sich tüchtig ins Zeug, damit der Influencer in fast täglichem Rhythmus neuen Content in Form von Fotos, Videos oder Podcasts zeigt, in denen er Dünnsinn labert (häufig) oder neue Produkte präsentiert (fast immer). Damit allerdings liegt eine Einnahmeerzielungsabsicht vor, und ergo werden Steuern fällig. Und das ist Mist. Krasskranker Mist. Influencer sind es gewohnt, dass alles immer mehr wird. Jetzt aber soll etwas irgendwie weniger werden, und das ist irre krasskrank ungerecht.

Der Influencer tobt. Er möchte jetzt am liebsten irgendwo sein, wo es keine Steuern gibt. Und wo man von der Regierung ein Taschengeld dafür bekommt, dass man regelmäßig postet und tweetet und youtubet, wie beautiful es hier ist und wie sehr man es liket. Man stelle sich den Jubel des Influencers vor, wenn er erfährt, dass es diese Orte wirklich gibt! Sie heißen Dubai oder Malta, gelten als Steueroasen, und man hat dort Influencer so sehr lieb, dass man sie jederzeit herzlich willkommen heißt. Sie müssen nur regelmäßig posten, wie irrekrasskrank Dubai oder Malta ist, wie gut das Wetter und wie sicher die Straßen für Frauen sind. Natürlich sind vor allem in Dubai nicht besonders viele Frauen auf den Straßen, aber die, die man sieht, sollen angeblich außergewöhnlich sicher sein.

Da Influencen ein globales Phänomen ist, suchen Influencer überall auf der Welt einen Ausweg aus der Steuerfalle. Spanische Influencer zum Beispiel ziehen in Scharen nach Andorra, schon wieder ein klitzekleines Land, von dessen Existenz niemand wüsste, gäbe es dort nicht neuerdings Influencer, die die Schönheit der lokalen Thermalquellen und Skigebiete preisen. Ein weiterer Kniff ist eine Klausel in den Verträgen der Influencer, in denen zur Verfügung gestellte Luxusartikel wie der allerangesagteste neue Turnschuh zur Dauerleihgabe erklärt wird. Man „leiht“ sich die Turnschuhe für ein paar Jahre, und wenn der Hersteller den ausgelatschten, muffigen Treter dann nicht zurücknimmt, wird das ja wohl schlecht die Schuld des Influencers sein. Der Haken an der Sache und damit der spielverderbende Faktor ist, wie so oft, das deutsche Steuerrecht. Denn sollte der nach Dubai, Malta oder Andorra Ausgewanderte noch irgendeine wie auch immer geartete Verbindung nach Deutschland haben, vielleicht in Form eines Wohnsitzes, gilt er weiterhin als steuerpflichtig. Und sollte er oder sie die deutsche Staatsbürgerschaft behalten haben, gilt es erst recht.

Nun vergisst man leicht, dass Steuern zu zahlen vor allem Ausdruck einer solidarischen Gesinnung ist, denn mit den Steuern, die wir zahlen, finanzieren wir bekanntlich unser Gemeinwesen. Es ist also unter anderem ein moralisches Problem, sich dieser schönen Verpflichtung zu entziehen und damit zu sagen, dass einem Universitäten, Schulen, Krankenhäuser und Altenpflegeheime grundsätzlich schnurz sind. Doch jüngste Umfragen haben gezeigt, dass den allermeisten Followern die Moral ihrer Influencer nicht wichtig ist. Wichtig sind Palmen, Uhren, körperliche Fitness und krasskranke Turnschuhe. Auch wenn sie nur geliehen sind.

— eingestellt am 08. September 2021

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